„Tief im Westen …“

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Grönemeyer war nicht dabei, und seine „Bochum“-Hymne haben wir auch nicht gehört.  Aber was da über den Dächern der Stadt los war, hätte ihm gefallen: Drei Generationen erzählen (viel), streiten (manchmal), lachen (ganz viel), essen (ständig), trinken (nicht zu knapp).  Familiengeschichte wird erkundet, unser ganz eigener „Migrationshintergrund“:  Dominanz der Westfalen, Ruhrpöttler vor allem, mit einer guten Prise Eifel und Sauerland. Aber auch Spanien ist vertreten und Polen.  Dass der Vorfahre, dessen Heirat mit einer Javanerin die Ahnengalerie mit Exotik versehen hat, kein deutscher Abenteurer war, wie wir seit Jahrzehnten glaubten,  sondern ein holländischer Plantagenaufseher („Aufseher! Sklaventreiber! Auch das noch!“) sorgt für einigen Aufruhr, dann für immer wieder aufwallende Heiterkeit („Wir sind Käsköppe!  Wer hätte das gedacht!“).

Eine stinknormale Familie „tief im Westen“ in NRW.  Vor vier Generationen mütterlicherseits kein „Deutscher“ in Sicht.  Bunte Mischung bis heute – Herkunft, politische Ansichten, Berufe, Fußballverein (der BVB hat gewonnen, wir rücken euch auf die Pelle, ätsch, ihr Bayernfans 😜). Allen gemeinsam: die Sorge um eine friedvolle Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Auf der Zugfahrt am Abend lese ich Robert Seethalers „Der Trafikant“ zu Ende.  Ein Zitat bleibt hängen:

Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Man tapst sozusagen in einer immerwährenden Dunkelheit herum, und nur mit viel Glück sieht man manchmal ein Lichtlein aufflammen. Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen.

Genau! Und die Liebe nicht vergessen.

 

Halt

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Besuch in der alten Heimat.  Milchig graue Wolkendecke drückt aufs Gemüt. Kalt ist es. Gar nicht österlich.

Auf dem Weg zum Grab der Eltern mache ich den Umweg über den Kirchplatz. Die kleine Dorfkirche ist dem Aachener Dom nachempfunden, wunderschön erhebt sich das Oktagon über die geduckten Fachwerkhäuser, unerwartet prächtig in dem unscheinbaren Dorf in den Wäldern des Sauerlands. Heute komme ich nicht hinein, kann keine Kerze anzünden, die Kirche ist verschlossen. Das war sie nie – anscheinend reicht selbst die mit auffälligen Schildern angekündigte „Videoüberwachung“ nicht aus, um jederzeit alle willkommen zu heißen …

Bedrückt gehe ich weiter.  Kurz vor dem Friedhofstor: Halt! Die Botschaft in der schäbigen Bushaltestelle ist noch da.

Das Lächeln kommt zurück.

Healing Beauty

So viel Enge. Mutlosigkeit. Was kommt? Was wird? Was tun? Was?

Der Baum steht ungerührt und treibt Grün und Blütenpracht. Der Himmel kitschig blau und sonnenhell. Lichtweisse Blütenblätter tanzen sanft zu Boden. Schatten spielen auf heller Wand.  Simin Tander singt norwegische Lieder in Pashtun.

Die Enge weicht.

Lieber Leben. Jetzt.

Inside out

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(Skulptur: Rainer Groß – http://www.rainergross.net)

„Ich tanze, weil ich Worten nicht traue“.  Außergewöhnlicher Titel eines außergewöhnlichen Tanzabends.  Die japanische Tänzerin und Choreografin Kaori Ito inszeniert eine Begegnung mit ihrem Vater. Sie lebt in Europa, er zehntausend Kilometer entfernt in Japan. Was haben sie sich zu sagen? Und wie?

Worte besiedeln die Bühne, Fragen über Fragen der Tochter, warum dies, warum das, warum, warum, warum … keine Antwort, dann: Bewegung.  Die Worte verklingen, der Tanz beginnt.  Ein Werden, der Weg der Tochter zur eigenen Identität, über Straucheln, Rebellion, schmerzhaftes Suchen, schließlich Hinwendung.  Der Vater anwesend-abwesend zunächst, still sitzend am Bühnenrand, tritt ein in den Dialog ohne Worte.  Beide erzählen sich und uns eine Geschichte, die keine Worte mehr braucht.

Erst als alles gesagt ist im Tanz ertönen die Stimmen, jetzt beide, und Fragen haben Antwort.

Als sehr intim bezeichnet Kaori Ito die Arbeit mit ihrem Vater (übrigens kein Tänzer: beim Theater in seiner Jugend, dann, die Worte boten ihm zu wenig Ausdrucksmöglichkeit, wurde er Bildhauer).  Das Ergebnis:  Keine Botschaft, aber eine Einladung, die eigene Beziehung zum Vater zu hinterfragen. „Wenn Emotionen im Inneren eingeschlossen bleiben, kann man nicht daran arbeiten. Man braucht eine gewisse Distanz oder ein gutes Stück Humor, damit das gelingt. Das wurde mir durch die Arbeit mit meinem Vater an diesem Projekt klar.“

Einladung angenommen.  Am Geburtstag meines Vaters, der an diesem Tag 92 Jahre alt geworden wäre und vor 15 Jahren verstorben ist.  Er war ein wunderbarer Tänzer.

 

Reisen, akustisch

Gestern Abend live in Brüssel – der großartige Jef Neve. Klassischer und Jazz-Pianist, Komponist, Grenzüberschreiter.  Hier eine Aufnahme von 2010 mit seinem damaligen Trio – enjoy!

Warten auf Erleuchtung

IMG_8714Es ist schon ein Kreuz mit den Erwartungen …

IMG_8716Na dann …

(Aus der Ostende-Sammlung – zynischerweise stellt das zweite Bild das Behältnis dar, in dem die Restaurantrechnung präsentiert wurde … Geschmeckt hat’s trotzdem.)