Vollkommen.

Nach trüben Tagen sommerverheissende Sonne. Nach trüben Gedanken – Glück. Ein passenderes Wort fällt mir nicht ein nach diesem Konzert im Bozar-Kulturzentrum meiner Stadt, Brüssel.  Jazz ist der immer präsente bunte Faden, der mich seit meiner Jugend begleitet, in wilden wie in ruhigen Zeiten.  Mal aufbauend, mal besänftigend, immer spannend, immer neu.  Welch Geschenk, die Helden meiner Hörwelten live erleben zu können, aus nächster Nähe:

Anouar Brahem, der tunesische Oud-Spieler und Komponist, ist mit seinem jüngsten Programm zu Gast, Blue Maqams. Mit ihm stehen Urgesteine des Jazz auf der Bühne: Dave Holland am Bass, kraftvolle Eleganz;  Jack de Johnette zaubert am Schlagzeug; Django Bates begleitet subtil am Piano.  Anouar Brahem tut sich schwer mit Interviews. Ich mag nicht über Musik reden, ich mag Musik nicht erklären, hat er gesagt. Schon in Ordnung, Hören reicht. Vollkommen.

 

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Unverhofft kommt Kunst

Bald geht die Bahnfahrt zu Ende. Die Jazztrompete aus der Smartphone-Konserve auch.  Ein neues Album aufzurufen lohnt nicht mehr, auch keine neue Lektüre.  Die Strecke kenne ich in-und auswendig, kaum noch schaue ich aus dem Fenster. Heute doch. Schöne Landschaft eigentlich, denke ich, tolle Wolken, und drücke aus einer Laune heraus mehrmals auf den Auslöser der Handy-Kamera.

Zu Hause sichte ich das Ergebnis meiner Spontanaktion und staune: Am Rande der Bahnstrecke entdecke ich Parallelen zu meinem gARTen:  menschengemachte starre Konstruktionen vor spannender Naturkulisse. Ich ziehe den Kontrastregler bis zum Anschlag. Mehr Drama geht nicht, denke ich. Und vergesse einen kurzen Moment die realen Dramen, für die kein Regler in Sicht scheint.

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Courage! hab ich heute gewünscht. Das brauchen wir wohl alle.

 

gARTen-Jahr

Schon ein Jahr … Am 30. März letzten Jahres begann Rainer Gross mit dem Aufbau der Installation Über Grenzen, die mein unscheinbares Hinterhofgärtchen in einen gARTen verwandelte, der mich im Jahresverlauf mit immer neuen Aus- und Ansichten erfreut.  Das Wachsen und Vergehen der Gräser; das Ergrünen, Aufblühen und schließlich das Fallen der Blätter der Bäume; die unterschiedliche Färbung des Himmels; die sich mit Tageszeiten und Wetterbedingungen ändernden Lichtverhältnisse – all dies Kommen und Gehen, Werden und Vergehen wird durch die den Lebensfluss symbolisierende Installation, die selbst auch der Vergänglichkeit preisgegeben ist, gespiegelt und überhöht.

Hier Impressionen aus dem ersten Jahr des gARTens – wer mehr von Rainer und seiner Arbeit erfahren will, schaut auf seiner Webseite nach (www.rainergross.net).

Fuss-Note

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Vorösterlicher Spaziergang am Rande der Schwäbischen Alb.  Der Hund tobt im Zickzack über Wiesen und frisch aufgepflügte Felder.  Die Tochter schneidet Blüten versprechende Zweige für den Osterstrauss.  Der Enkel übt Schalten mit dem neuen Mountainbike und Klettern am Steilhang neben der betonierten Unterführung.  Ich genieße die Nähe meiner Lieben, atme Frühlingsnähe, lasse den Blick schweifen – eine krakelige Inschrift an der Seitenmauer des Kletterterrains macht mich stutzig. Was soll uns das sagen:

Küss das Foto von meinen schönen Füssen

Ist das jetzt ein verklausuliertes „Du kannst mich mal …“ („Kiss my …“) oder ein erfinderisches Füßeln der anderen Art?  Und wieso das Foto?  Wollen die Füße nicht geküsst werden?  Oder sind sie fortgegangen?

Während immer neue Fragen meinen Kopf bevölkern, fotografiere ich die Einladung zum Fotokuss und lasse mich von meinen Füßen weitertragen.  Das Bild begleitet mich in den Abend – und beendet die Schreibpause.

Die Alb steckt voller Überraschungen …

 

Reflections

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Schwebezustand gestern musikalisch.  Dazu passend neue Aussichten mit Einladung zu Einsichten: Exit No Exit #9 des in New York lebenden belgischen Fotokünstlers Jean-Marie Guyaux.  Im Abendlicht, ergänzt durch kleine Kunstlichtquellen, zaubern  eigenartige Schattenwürfe neue Dimensionen in das Bild.  Wo geht es hinaus? Oder hinein? Traumwelt …

Guter Abend. Gute Nacht.

Heute Abend Jazz im Flagey-Kulturzentrum. Kleiner Saal, kleine Besetzung auf der Bühne. Große Kunst.

„Schweben“, denke ich, „filigran“,  „barfuss auf Kieseln“, taktakataktakatak, treibender Rhythmus, sanfte Landung, auf Bassläufen auf und davon …

Zu Hause: nicht genug. Der Griff zur Konserve: gute Nacht!