Goldener gARTen

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(Installation „Über Grenzen“ von Rainer Groß – http://www.rainergross.net)

Im Wechsel der Jahreszeiten erscheint der gARTen in immer neuen Farben.  Seit ein paar Tagen schmiegen sich Rot und Schwarz in goldenes Laub. Auch die Gräser changieren von Grün und Weiß nach Braun und Blassgelb. Die nicht gepflückten Trauben (sie waren eher schön anzusehen als süss im Geschmack) zeugen von Sonnentagen und von Werden und Vergehen. Schau mal:

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Aussichten

Dynamische Melancholie auf den Ohren (ja, das gibt’s!) – Terje Gewelt und Enrico Pieranunzi „Oslo“, nie zu oft gehört.  (Google mal, lohnt sich!)

Vor dem Zugfenster fliegt graugrüne rheinische Landschaft vorbei. Ein paar lautlose Klicks – Hören und Sehen.  Passt.

 

Die Hoffnung stirbt … nie

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Verzweiflung kommt auf angesichts der Flut von schlechten Nachrichten, vom Einzug der Antidemokraten in den Bundestag über Klimakatastrophen und das Gemetzel eines schiesswütigen amerikanischen Rentners bis hin zu der auf Kindergartenniveau geführten, aber brandgefährlichen Fehde zwischen dem „kleinen Raketenmann“ und dem orangenen Twitterer …

Gottseidank gibt es auch gute Nachrichten, die der oft nur noch leise zum mutigen Weiterträumen und Weiterhandeln rufenden Hoffnung Nahrung geben.  Eine schickt uns der WordPress-Blog 365 gute Dinge jeden Tag ins Haus – die Welt ist nicht nur schlecht und chaotisch, es gibt unzählige positive Erfindungen, Projekte, Aktionen im großen wie im kleinen Rahmen, die die Welt ein Stück besser und lebenswerter machen.

Der Kunst kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu – wie der große Roger Willemsen einmal sagte: sie „bietet den Menschen die einzigartige Möglichkeit, sich zu entgrenzen. Das müssen sie, denn wie sonst sollten sie sich erkennen und verändern können?“

Gestern Abend durfte ich die wunderbare Sopranistin Renée Fleming in einem Solokonzert erleben.  Selten habe ich Eichendorffs Worte in ihrer Interpretation des von Brahms vertonten Gedichts „Mondnacht“ so intensiv und bewegend empfunden: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Räume, als flöge sie nach Haus“.

Heute morgen dann die Nachricht, dass der diesjährige Literatur-Nobelpreis an Kazuo Ishiguro geht: so verdient!

Die Welt ist ein irrer Chaoshaufen – aber es gibt Hoffnung. Immer.

 

Schwarz Weiss Bunt

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Gestern habe ich vom Weichenstellen geschrieben, davon, an der eigenen und unserer kollektiven Geschichte mitzuschreiben.  Am Abend dann durfte ich dabei sein, als ein ganz besonderes Kapitel in der Lebensgeschichte von vierzig jungen Menschen vorgestellt wurde  – ein Kapitel, an dem viele Menschen mitgeschrieben haben, vor allem aber die Jugendlichen selbst; ein Kapitel, das von vielen Menschen gelesen und aufgenommen werden und damit dazu beitragen wird, auch deren Geschichten mitzuschreiben.

Der gemeinnützige Verein „Actions in the Mediterranean (AIM)“  will mit konkreten Projekten Perspektiven für friedliche Konfliktlösung eröffnen, insbesondere im Umgang mit Antisemitismus und Islamophobie.  AIM stellt fest, dass die Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt und in jüngster Zeit auch den Terroranschlägen in Brüssel und anderswo zunehmend aggressiver wird.  Dabei, so AIM, wurzeln Hass und Gewalt in Worten und Taten häufig in stereotypen Sichtweisen und Vorurteilen.  Um dem entgegenzuwirken, geht AIM (bereits im fünften Jahr in Folge) ungewöhnliche Wege:

Vierzig Schülerinnen und Schüler im Teenageralter aus unterschiedlichen Schulen (Gymnasien und Berufsfachschulen) in unterschiedlichen Stadtteilen, mit unterschiedlichem sozio-kulturellen Hintergrund und unterschiedlicher Religionszugehörigkeit kommen in einem Projekt zusammen, das ihnen durch eigene Erfahrung zu besserer Kenntnis und zu einem besseren Verständnis verhelfen soll:  Sie fahren gemeinsam nach Israel und Palästina.

15- bis16-jährige Jugendliche, die sich ohne dieses Projekt wahrscheinlich nie begegnet wären, treffen sich zunächst in regelmäßigen Workshops zur Geschichte und Geographie der Region; sie sehen Dokumentarfilme zum Nahostkonflikt und debattieren darüber; sie begegnen Menschen aus der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft, hören deren Erfahrungen und diskutieren mit ihnen. Auch ein Seminar zum Umgang mit Stereotypen und mit alten und neuen Medien steht auf dem Programm.

Nach der sechsmonatigen Vorbereitungsphase geht dann die inzwischen miteinander vertraute und – wie die Jugendlichen selbst berichteten – zu einer „großen Familie“ zusammengewachsene Gruppe auf die (von zwei jungen Filmemachern begleitete) große Reise.  Acht Tage lang besuchen sie kulturell und historisch bedeutende Stätten in Israel und Palästina, vor allem aber können sie sich ein Bild vom Leben der Menschen in verschiedenen Gebieten mit unterschiedlichen Lebensbedingungen machen.  Sie besuchen die Metropole Tel Aviv, aber auch Ramallah und ein palästinensisches Flüchtlingslager, Jerusalem und eine Drusensiedlung an der Grenze zu Syrien.  Sie treffen mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zusammen, die sich gemeinsam für die einvernehmliche Beilegung des Nahostkonflikts einsetzen. Beim Besuch einer bilingualen Schule in Jerusalem, in der hebräisch- und arabischsprachige Kinder gemeinsam unterrichtet werden, diskutieren sie mit Jugendlichen in ihrem Alter. Überall, wohin sie kommen, haben sie Gelegenheit, selbst Kamera und Aufnahmegerät in die Hand zu nehmen, Menschen anzusprechen und ihnen Fragen zu stellen – und sie machen reichlich Gebrauch davon.

Etwa eine Dreiviertelstunde dauert der Dokumentarfilm, den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gestern Abend selbst erstmals vorgestellt haben.  Während des ganzen Schuljahres werden sie ihn noch oft zeigen, vor allem in Schulen, und sie werden sich – wie auch gestern – im Anschluss den Fragen der ZuschauerInnen stellen.

Das Fazit der Jugendlichen selbst:  Es war eine bereichernde Erfahrung, die ihnen den Blick dafür geöffnet hat, dass ein Bemühen um friedliche, konstruktive Konfliktbeilegung nicht nur nötig, sondern auch möglich ist, und das nicht nur im Nahostkonflikt und in der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen und/oder religiösen Gruppen.  In diesem Sinne tragen sie nun ihre Erfahrung weiter, als „ambassadeurs de nuance“ , als (wörtlich übersetzt) „Nuancenbotschafter“, denn „es gibt nicht nur Schwarz oder Weiss – das Wichtige liegt in den vielen Schattierungen dazwischen“.

Nach der Rückkehr von dieser besonderen Reise haben die Jungen und Mädchen die ihnen wichtige Aussage in Bildern ausgedrückt, die auf Postkarten gedruckt wurden, deren Verkauf zur Finanzierung des nächsten Projekts beitragen soll. Eine davon habe ich an den Anfang dieses Beitrags gesetzt, eine weitere soll den bunten Abschluss bilden.

Zur Nachahmung empfohlen!

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Geschichte(n)

Ferguson understood that the world was made of stories, so many different stories that if they were all gathered together and put into a book, the book would be nine hundred million pages long. (Paul Auster, 4 3 2 1)

Jedes Leben eine Geschichte, jede Lebensgeschichte eine Vielzahl von Geschichten.  Jedes Leben, jede Geschichte anders im Auge der Betrachtenden, möglicherweise anders, wenn diese oder jene einzelne Geschichte an dieser oder jener Stelle anders verlaufen wäre – andere Begegnungen, andere Emotionen, andere Reaktionen, andere Entscheidungen.

In seinem Roman „4 3 2 1“, dem zwar nicht neunhundert Millionen, aber fast 900 Seiten umfassenden jüngsten und umfangreichsten Werk des amerikanischen Autors Paul Auster, schildert er das Leben des Archie Ferguson in vier parallel verlaufenden, miteinander verwobenen Erzählsträngen – die fiktive Lebensgeschichte ein und derselben Person viermal anders, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Geschichten, Verknüpfungen, glücklichen Fügungen und unheilbringenden Ereignissen.  Geschichten, die das Leben schreibt, Geschichten aber auch, an denen die Protagonisten dieses Lebens mitschreiben, indem sie Weichen in die eine oder andere Richtung stellen.

In unserer kollektiven Lebensgeschichte wurden gestern Weichen in neue Richtungen gestellt.  Wohin letztlich die Reise geht, entscheiden wir alle, jede und jeder, jeden Tag neu.